Ein erstes Resumé

Fast 10 Monate sind seit meiner Ankunft in Indien vergangen. Unglaublich! Dabei kommt es mir so vor, als ob ich erst seit kurzem hier bin. Aber wenn ich bedenke, was in dieser Zeit alles geschehen ist, wie viel ich gesehen und gelernt habe, wird mir leider klar, dass mein Jahr erschreckend bald vorüber ist und meine Rückkehr nach Deutschland bevor steht. Längst Zeit für ein erstes Resumé also.

Natürlich freue ich mich darauf, meine Familie und meine Freunde in Deutschland wiederzusehen. Aber nach fast einem Jahr lasse ich hier auch viel zurück. Die Kinder sind mir sehr ans Herz gewachsen und auch die Mitarbeiter, die anderen Volunteers und meine indischen Freunde werde ich sehr vermissen. Der Snehadaan Campus ist zu meinem neuen zu Hause geworden, wenn auch zeitlich befristet. Hier arbeite ich eben nicht nur und habe einen Alltag, sondern ein Leben. “It is not a trip or a vacation. It is a second life.” Ich kann mir nur schwer vorstellen, nach Deutschland zurück zu kommen und plötzlich nur noch deutsch zu sprechen, wo ich doch hier ständig zwischen deutsch und englisch wechsle, natürlich vermischt mit den Wörtern auf kannada und malayalam, die ich bisher gelernt habe. Auch das Essen hier werde ich sehr vermissen. Da unsere Köche aus Kerala stammen, bereiten sie hauptsächlich typisches Essen aus dieser Region zu, aber manchmal auch Spezialitäten aus Karnataka. Auf Reis werde ich allerdings die ersten Monate in Deutschland zunächst verzichten können. Ganz im Gegenteil zu dem typisch indischen Tee, aber zum Glück habe ich mich in Darjeeling mit ausreichend Teeblättern für die Zeit in Deutschland eingedeckt. Wahrscheinlich werden deutsche Gerichte für mich zunächst völlig fad schmecken, da ich hier an das stark gewürzte Essen gewöhnt bin.

Aber auch außerhalb dieser kleinen, gut behüteten Welt unseres Campus, werde ich einiges vermissen:

  • die kleinen Läden an den Straßenecken, wo man Essen, Tee oder auch alles andere für den täglichen Bedarf bekommen kann
  • die unglaublich grenzenlose Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft
  • die Grundeinstellung „sharing is caring“, alles wird selbstverständlich geteilt (meistens fragt man bei Freunden nicht mal nach, sondern kann sich einfach bedienen)
  • die farbenfrohe indische Kleidung
  • Sleeper-Busse oder –Züge, mit denen man an einem Abend losfährt und am nächsten Morgen in einer anderen Stadt ankommt
  • und so vieles mehr…

Die indische Kultur ist so vielseitig, farbenfroh und voller Traditionen mit unzähligen Sprachen und Besonderheiten in jedem einzelnen Staat. Natürlich gibt es auch einige Dinge, die vor allem zu Beginn sehr ungewohnt sind: Stromausfälle, essen mit den Fingern, waschen ohne Waschmaschine, duschen mit einem Eimer, Toiletten ohne Spülung oder „indian stlye“-Toiletten (im Hocken), Verkehr (scheinbar) ohne Regeln und nicht immer funktionierendes Internet.

Hier herrscht eine Arbeitsweise, die mehr beziehungsorientiert ist, ganz im Gegensatz zu unserer deutschen Zielorientierung, wo Zeitdruck und Termine allgegenwärtig sind. Wenn hier Aufgaben nicht rechtzeitig fertig werden, benötigt man eben noch einen weiteren Tag. Der Job ist hier ein Arbeitsplatz, um den Lebensunterhalt zu sichern, aber nicht der Lebensmittelpunkt. Viel wichtiger ist die Familie. Auch Entscheidungen werden oft von der Familie gemeinsam beschlossen, egal, ob es dabei um einen Arbeitsplatz oder den Ehepartner geht.

Ganz besonders ist auch das Verhältnis mancher Inder zu ihrem Mobiltelefon. Wann immer es klingelt, sie werden dran gehen. Egal, ob es mitten in einer Besprechung ist, während sie eine Rede halten oder sogar während der eigenen Hochzeit.

Vieles ist aus unserer europäisch geprägten Sichtweise zunächst ungewöhnlich und unverständlich. Wenn man sich von diesen anfänglichen Schwierigkeiten jedoch frustrieren lässt, verpasst man auch die ganzen wundervollen Seiten Indiens. Ich kann gut nachvollziehen, dass Menschen, die nur für wenige Wochen nach Indien kommen, durch diesen vielen Eindrücke überfordert sind. Man benötigt einige Monate um die Kultur auch nur halbwegs zu verstehen und selbst dann kommt es immer wieder zu überraschenden Situationen.

Bei diesem gesamten Bericht ging es nun natürlich um meine Sicht der Dinge und durch die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe und die Inder, die ich während dieser Zeit kennen gelernt habe. Ich hatte verdammt großes Glück, dass ich im Sneha Care Home gelandet bin und dieses Glück hat selbstverständlich zur positiven Sicht meiner Zeit in Indien beigetragen. Ich kann nicht ausschließen, dass ich in einem anderen Teil Indiens oder in einem anderen Projekt völlig andere Erfahrungen gemacht hätte und sich mein ganzes Bild bezüglich Indien unterschiedlich entwickelt hätte.

Bis vor kurzem war es für mich noch unvorstellbar, dieses Leben hier zu verlassen. Aber nicht nur mein Visum und meine Arbeitsgenehmigung laufen nach einem Jahr ab, auch in Deutschland erwartet mich einiges: Familienfeiern, wie die kirchliche Hochzeit meiner Schwester; das Wiedersehen mit meinem Neffen, der ein Jahr alt wir, generell meine Familie und Freunde wiederzusehen und natürlich muss ich mich erstmal wieder an den deutschen Alltag gewöhnen. Seit ich weiß, wie es in Deutschland für mich weiter gehen wird, ist der Gedanke an meine Rückkehr nicht mehr ganz so schmerzhaft. Ich freue mich auf eine neue Herausforderung, eine neue Stadt, eine neue Umgebung und viele neue Menschen.

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Ein Gedanke zu „Ein erstes Resumé

  1. Was für ein toller Beitrag. Ganz lieben Dank dafür, Simone. Indien klingt wirklich nach einem extrem spannenden Land und ich bin sehr froh, dass deine Erfahrungen dort insgesamt positiv waren.

    Vor allem finde ich es großartig, dass du die ganze Zeit über offen für Neues geblieben bist und die Kultur und Mentalität ein Teil von dir geworden zu sein scheinen. Beneidenswert.

    Genieß deine restliche Zeit und pass weiterhin gut auf dich auf. Wir wollen dich schließlich in einem Stück hier wieder in Empfang nehmen. Bis bald! 🙂

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