Champion in Me

Am letzten November-Wochenende stand das Highlight des Jahres hier im Sneha Care Home stand an: Champion in Me. Hinter diesem mysteriösen Namen steckt ein Wochenende voller künstlerischer und sportlicher Wettkämpfe unserer Sneha Care Kinder gegen HIV-positive SchülerInnen aus anderen Einrichtungen. Dieses Ereignis fand bereits zum 6. Mal und aufgrund des World-HIV/AIDS-Day (1. Dezember) statt.

Bereits zwei Wochen vor dem Sports-Day haben wir ein zusätzliches Throwball-Training am Morgen eingeführt. Die Mädchen hätten am liebsten noch früher damit begonnen und lagen Julia und mir in den Ohren, um endlich zu starten. Das hat auf jeden Fall gezeigt, dass keine von ihnen Langschläferin ist, da wir jeden Morgen um 6.30 Uhr begonnen haben. Nur ein einziges Mal ist es in den zwei Wochen vorgekommen, dass alle zu spät gekommen sind. Dass es bei dieser einmaligen Verspätung meines Throwball-Teams bleiben sollte, habe ich durch eine komplette Laufeinheit sichergestellt. Das fanden sie natürlich nicht besonders lustig, da wir normalerweise nur zum Aufwärmen ein paar Runden laufen, aber anschließend andere Übungen machen und spielen. Nachdem ich ihnen gedroht habe, jedes Mal ein Lauftraining zu absolvieren, sobald sie zu spät kommen, waren alle überpünktlich.

Das Throwball-Training war natürlich nicht die einzige Vorbereitung, die für Champion in Me getroffen werden musste. Alle Mitarbeiter wurden in verschiedene Gremien eingeteilt, denen dann bestimmte organisatorische Aufgaben zukamen. So haben wir u. a. Startnummer für die Kinder zum Anheften hergestellt, Reihenfolgen der Startnummer für jeden Wettbewerb festgelegt, Ablaufpläne geschrieben, Kostüme gebastelt, alle Räume feierlich geschmückt etc.

Mitten in den Vorbereitungen für Champion in Me mussten Christian und ich jedoch aufbrechen, um zu unserem dreitätigen Seminar, der „Quarter Evalution“ von unserer Organisation FSL India, nach Kundapur zu fahren. Dort haben wir die deutschen Freiwilligen getroffen, mit denen wir zusammen im August nach Indien gereist waren. Natürlich hatten wir uns so einiges zu erzählen und haben unsere bisherigen Erfahrungen ausgetauscht. Dazu gab es unter anderem eine Einheit, in der wir innerhalb kleiner Gruppen typisch indische Alltagssituationen nachspielen sollten. Schnell wurde eins klar: Uns alle beschäftig (oder beeindruckt?!) das Busfahren in Indien. Egal, ob es um Mitfahrer im Bus geht, die gerne unsere Lebensgeschichte hören wollen; die unzähligen „Speed Humps“, die jede Fahrt etwas wackelig werden lassen; den Conductor (ein Mann, der im Bus die Tickets verkauft), der manchmal so schnell alle Haltestellen ruft, dass sie kaum verständlich sind; den offenen Türen, damit man auch während der Fahrt noch schnell ein- oder aussteigen kann; oder den Sitzplätzen, die für Männer und Frauen getrennt sind. Busfahren in Indien ist definitiv ein Erlebnis und nicht mit Fahrten in Deutschland zu vergleichen. Jeder, der nach Indien kommt, sollte sich zumindest einmal mit diesem öffentlichen Verkehrsmittel fortbewegen. Es ist nicht nur spannend, was alles während einer Busfahrt passieren kann, man lernt dadurch auch einiges über die indische Kultur.

Als wir am Samstagmorgen aus Kundapur zurückgekehrt sind, ging es gleich mit den Vorbereitungen weiter, da am darauffolgenden Sonntag ein 5 km-Run von uns organisiert wurde. Dies war ein Wohltätigkeits-Run, dessen Startgeld unserem Krankenhaus zu Gute gekommen ist. Neben den etwa 700 Läufern von außerhalb hat auch das Athletik-Team unserer Kinder daran teilgenommen. Die restlichen Kinder haben die Läufer ordentlich angefeuert. Da die kleinsten unserer Läufer keine 5 km zurücklegen sollten, sind wir Freiwillige mit ihnen gelaufen und nach 1,5 km wieder umgekehrt. Nach einem ausgiebigen Frühstück für alle Läufer, stand noch eine Stuntshow mit Motorradfahrern aus Kerala (ein südindischer Staat) an. Am Ende der Show gab es für mich noch einen kleinen Adrenalin-Kick, als ich plötzlich mittendrin statt nur dabei war (siehe Foto). Ein toller Tag, der sehr viel Spaß gemacht hat.

Bilder zum 5 km-Run

Bilder zum 5 km-Run

Stuntshow mit mir

Stuntshow mit mir

In der Woche vor Champion in Me hieß es dann vorbereiten, vorbereiten, vorbereiten. Durch zweifaches Throwball-Training, unterrichten und organisieren waren wir in dieser Woche voll und ganz eingespannt. Ab Freitagmorgen kamen dann nach und nach alle Teilnehmer für das Wochenende. Insgesamt waren es über 400 Kinder plus Betreuer, die aus 13 Zentren Südindiens kamen und alle für diese Zeit bei uns untergekommen sind.

Am Samstag ging es mit dem Arts-Day los. Folgende Wettkämpfe standen auf dem Programm: Group und Solo Song, Group und Solo Dance, Theaterstück, Zeichnen und Rangoli. Bei Rangoli handelt es sich um wunderschöne Muster, die mit farbigem Pulver auf dem Boden aufgetragen werden. Zu den Wettkämpfen wurden die Kinder in die Altersstufen 5 bis 8, 9 bis 12 und 13 bis 16 Jahre eingeteilt. Das Programm hat am Abend mit den Siegerehrungen geendet, bei dem unsere Sneha Care Kinder mehr als ordentlich abgesahnt haben. Wir waren natürlich alle unglaublich stolz auf sie und haben sie bejubelt.

Impressionen vom Arts-Day

Impressionen vom Arts-Day

Am Sonntagmorgen startete das Programm für den Sports-Day. Zunächst waren die Leichtathleten an der Reihe. Je nach Altersklasse hatten die Kinder Wettkämpfe im Laufen über verschiedene Distanzen (60, 100, 200 oder 400 m), Staffel-Läufe, Sackhüpfen und Lemon-Spoon-Race. Am Ende folgte noch ein Lauf für alle Mitarbeiter, welchen Julia (barfuß!) mühelos gewann. Auch unsere Leichtathletik-Kinder konnten viele Preise abräumen, was für eine sehr gute Stimmung sorgte, da damit niemand gerechnet hatte. Nach den Läufen standen Fußball und Throwball an. Leider waren beide Turniere zeitgleich, sodass ich nicht selbst mitverfolgen konnte, wie Christians Fußball-Team einen überragenden ersten Platz für Sneha Care Home eingefahren hat. Aber Mitarbeiter und Kinder wechselten ständig zwischen Fußball- und Throwball-Platz, sodass ich wenigstens über die aktuellen Zwischenstände auf dem Laufenden gehalten wurde. Meine Throwball-Mädels haben sich wirklich sehr gut geschlagen. Allerdings konnten sie im Finale gegen Snehagram (den Zentrum für unsere älteren Kinder) leider nicht gewinnen. Nach einer kurzen Zeit der Enttäuschung waren sie dann auch über den zweiten Platz sehr froh. Dafür hat sich das viele Training auf jeden Fall gelohnt und ich war sehr stolz auf meine „Kleinen“.

Das Throwball-Team

Das Throwball-Team

Wenn man hört, dass die Kinder HIV-positiv sind, bekommt man wahrscheinlich zunächst einen falschen Eindruck. Wer glaubt, dass diese Kinder in irgendeiner Form krank oder schwach erscheinen, der sollte bei so einem Wochenende dabei sein. Es war unglaublich, wie viel Energie, Ehrgeiz, Leistung, Motivation und Zielstrebigkeit jedes einzelne Kind gezeigt hat. Aber nicht nur das: Sie haben vor allem gezeigt, wie sich auch scheinbare Konkurrenten gegenseitig anfeuern und Tipps geben können. Konkurrenzverhalten und Neid war hier fehl am Platz. Solch eine harmonische Atmosphäre habe ich in dieser Form noch nie erlebt. Auch wenn ein Kind selbst nicht unter den ersten Drei war, sie haben sich für alle gefreut, egal, ob die Gewinner aus dem eigenen Zentrum kamen oder einem anderen. Die meisten der Kinder kannten sich vorher noch nicht, aber das hat niemanden gestört. Sie haben sich alle gegenseitig unterstützt und geholfen, wo es nur ging.

Jeder wird angefeuert und bejubelt

Jeder wird angefeuert und bejubelt

Am Sonntagabend, nachdem die Siegerehrungen vorüber waren, gab es noch einen wichtigen Termin, der nichts mit Champion in Me zu tun hatte. In der Stadt fand ein großes Konzert für den World-HIV/AIDS-Day statt. Christian und ich hatten im Vorfeld die Aufgabe bekomme, eine Rede über unsere Erfahrungen im Sneha Care Home zu schreiben. Diese haben wir zu Beginn des Konzerts vor den etwa 3.000 Gästen vorgetragen, was ziemlich aufregend war, aber zum Glück problemlos geklappt hat. Obwohl wir als MIP (Most Important Person) zusammen mit Lena und Julia ganz vorne vor der Bühne in bequemen Ledersofas saßen, haben wir vom Konzert kaum etwas mitbekommen. Nach diesem Wochenende und auch den langen Vorbereitungstagen zuvor, waren wir viel zu müde um das Konzert genießen zu können.

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